Im Gespräch mit…Erfahrungsbericht für einen Weg in die UNO

03.06.2019 Djulijana Zekic
Von Christina Sandau-Jensen - 22.05.2019

«Jeder Mitarbeitende der Vereinten Nationen ist ein Botschafter für eine bessere Welt!»

 

Seit über 20 Jahren arbeitet Monika Gehner im Dienst der Vereinten Nationen (VN). Sie begann ihre Karriere bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Public Information Officer. Heute leitet sie weltweit die Gesamtkommunikation der Fernmeldeunion (ITU), der Spezialagentur der VN für Telekomunikation, in Genf. Mit ihrer ehemaligen Arbeitskollegin bei der WHO und heutigen Karriereberaterin an der Universität St. Gallen (HSG), Christina Sandau-Jensen, spricht Frau Gehner über ihre beruflichen Erfahrungen in der humanitären und entwicklungspolitischen Zusammenarbeit.

1. Was waren Ihre Bewegründe, für die Vereinten Nationen tätig zu werden?
In meiner ersten beruflichen Anstellung als Account Managerin in einer amerikanischen PR-Agentur in Ost-Berlin wurde mir die Betreuung der AIDS-Kampagne des Landes Sachsen-Anhalt anvertraut. Mit dem Fall der Mauer sollte die Bevölkerung der neuen Bundesländer über Präventionsmassnahmen gegen diese Epidemie aufgeklärt werden. Unter dem Slogan «Liebe, aber sicher!», machte mir diese sinnstiftende Öffentlichkeitsarbeit für und mit Menschen sehr viel Spass. Als mein damaliger Freund dann nach Genf versetzt wurde, lag es nahe, mich beim AIDS-Programm der WHO zu bewerben. Damals gab es bei der WHO keine Sicherheitsvorkehrungen und so lief ich mit meinem Lebenslauf in der Tasche einfach in ihre Kommunikationsabteilung und sagte: «Da bin ich. Brauchen Sie meine Kompetenzen?». Es war noch etwas Beharrlichkeit gefragt, aber ich wurde nach ein paar Monaten befristet eingestellt. Mittlerweile ist aus einer sinnstiftenden Tätigkeit auf globaler Ebene eine Lebensaufgabe geworden. Zu erkennen, in welchem Ausmass sich die VN für eine bessere Welt für uns alle einsetzt, treibt mich täglich an. Dies ist eine Mammutaufgabe; für uns alle! Und manchmal verlässt mich der Mut. Ich bin jedoch überzeugt, dass Multilateralismus ein entscheidender Weg ist, um gemeinsam vorwärts zu kommen.


2. Wie sieht ein «typischer» Arbeitsalltag aus? Und was schätzen Sie vor allem an Ihrer VN-Tätigkeit?
Jeden Tag setze ich mich für die Vision einer besseren Welt ein. Ich stelle sicher, dass weltweit über unsere Anliegen zeitnah berichtet wird, bspw. über soziale Medien. Als Führungskraft bin ich zudem für ein multikulturelles Team verantwortlich. In dem komplexen, dynamischen und geopolitischen Kontext der Vereinten Nationen gleicht kein Tag dem anderen. Diese Vielschichtigkeit schätze ich ungemein. Wenn man denkt, es läuft gerade rund, dann passiert etwas Unvorhergesehenes. Zum Beispiel haben mehrere VN-Organisationen vor ein paar Wochen mehrere Kolleginnen und Kollegen bei einem Flugzeugabsturz in Afrika verloren und Krisenkommunikation stand an. Als ich noch bei der WHO tätig war, berichtete ich über gesundheitliche Krisen und Epidemien, wie Zika oder die Hungerkrise am Horn von Afrika. Diese Berichterstattung ging manchmal einher mit grossen Unsicherheiten oder Risiken vor Ort. Als die Welt die ersten Kinder mit Mikrozephalie (Schädelverformung) sah, war das Entsetzen gross, aber der Zusammenhang mit einer Zika-Infektion der Mutter während der Schwangerschaft noch unklar, somit auch die Vorbeugemassnahmen. Der Wissensstand kann sich schnell verändern, und die Kommunikation muss entsprechend subtil sein.

 
3. Welche fachlichen und sozialen Kompetenzen werden vorausgesetzt bzw. sind heute besonders gefragt?
Ich schätze es an KollegInnen und Bewerbenden, wenn sie die Komplexität der heutigen Zeit verstehen und das Wesentliche davon ableiten können. Weiter sind diplomatisches Geschick gefragt, denn jeder VN-Mitarbeitende, egal welche Aufgabe er oder sie ausübt, ist ein Botschafter für eine bessere Welt. Wir sind «international civil servants», die sehr hohen Idealen verpflichtet sind. Wir müssen ethische Grundsätze wie Integrität, Loyalität, Rechenschaftspflicht, Respekt, Unabhängigkeit und Unparteilichkeit jeden Tag unter Beweis stellen (siehe: itu.int). Die Vereinten Nationen sind eine Plattform für alle Länder, die Kommunikation muss daher zum Beispiel neutral bleiben. Fachliche Kompetenzen hängen von der jeweiligen Stellenbeschreibung ab. Zu den funktionalen Kompetenzen bei der ITU gehören z.B. Planung und Organisation; Analyse-, Urteils- und Entscheidungsvermögen; Innovationskraft; Kundenorientierung; und Leadership (siehe: itu.int). An der jüngeren Generation schätze ich ihre Innovationskraft, sowie ihren Willen, sich in vieles über ihren eigentlichen Job hinaus einarbeiten zu können. Sie schrecken meistens nicht vor Verantwortung zurück.

4. Sie sind Mutter von zwei Kindern. Wie schaffen Sie es, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren?
Meine Familie ist meine Liebe und mein Beruf ist meine Leidenschaft. Ich danke meiner Familie für ihr Verständnis, dass mein Beruf viel Zeit und Energie in Anspruch nimmt. Zum Glück schätzen meine Kinder meine Arbeit und meine Erzählungen, die für Schule beziehungsweise Studium relevant sind. Durch unsere gemeinsamen vielseitigen Erlebnisse weltweit habe ich ihnen Werte mitgeben können, mit denen sie in fast jeder Situation alleine gut zurechtkommen und grosse Wertschätzung gegenüber anderen Kulturen zeigen.

5. Rückblickend, welche erlernten Fähigkeiten aus dem Studium waren besonders relevant für Ihre bisherige Karrierelaufbahn?
Ich glaube, dass das Wichtigste damals meine Fremdsprachen sowie meine relevanten Berufserfahrungen in der HIV/AIDS-Kommunikation waren. Nachdem ich ein paar Monate bei der WHO gearbeitet hatte, bewarb ich mich beim Programm „Junior Professional Officer/Beigeordnete Sachverständige bei den VN» der deutschen Bundesregierung (siehe arbeitsagentur.de). Ohne meinen ersten Master in Kommunikation wäre ich nicht aufgenommen worden. Um horizontal innerhalb der VN-Organisation zu wechseln, habe ich mich immer wieder durch fachspezifische Kurse weitergebildet, wie bspw. «Leadership in Crises» an der Harvard Kennedy School. Meinen zweiten Master habe ich mit 25 Jahren Berufserfahrung gemacht. Weiterbildung hilft, am Ball zu bleiben. Den Status Quo kontinuierlich in Frage zu stellen, Neues auszuprobieren und zu verbessern – das ist die Mentalität des Zeitalters der digitalen Transformation. Ich habe eine beeindruckende Start-up-Gründerin aus Peru kennengelernt, die jungen Frauen von der Strasse in sechs Monaten das Programmieren und soziale Fähigkeiten beibringt, um sie dann an Unternehmen zu vermitteln. In den Firmen erhalten die Frauen die Möglichkeit, ihr Wissen im Selbststudium sowie „on the Job“ weiterzuentwickeln. Bis ein jahrelanges Studium beendet ist, sind die Technologien und Programmiersprachen ggf. schon veraltet. Agilität ist existentiell.


6. Welchen Rat würden Sie Studierenden für ihren Berufseinstieg und für ihre Karriere in den VN geben?
Ich würde dazu raten, erst ein paar Jahre Berufserfahrungen ausserhalb der VN zu sammeln, bevor man sich bewirbt. Neben einem Praktikum oder einer Anstellung in der Wirtschaft, in einer Nichtregierungsorganisation oder in einer Verwaltung empfehle ich vor allem ein „hands on“-Praktikum im humanitären Bereich in einem Entwicklungsland. Für manche Organisationen der VN sind Berufserfahrungen in einem Entwicklungsland sogar eine zwingende Voraussetzung. Ausserdem lernt man sich in einem unbekannten Umfeld neu kennen und wird im Idealfall resilienter; man steht nach einem „Tief“ schneller auf.
Sowohl bei der WHO als auch bei der ITU geht es immer um das Gleiche: die Lebensbedingungen von Menschen weltweit zu verbessern. Bei der einen VN-Organisation geht es um Gesundheitsmassnahmen und bei der anderen geht es um die Entwicklung und den Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien im Dienste von beispielsweise Gesundheit, Armutsbekämpfung und Klimaschutz. Für diese bessere Welt setze ich mich ein.
 
Ich danke Ihnen für unser Gespräch!
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Das Interview wurde geführt von: Christina Sandau-Jensen 
 
"Unsere Studierenden und berufserfahrenen Akademiker begleite ich mit viel Passion. Als ausgebildeter Coach im lösungsorientierten Kurzcoaching (LOKC) greife ich dabei auf über 20 Jahre Erfahrung im öffentlichen und privaten Sektor (insbesondere in der Finanzbranche und in der UN) zurück."